Meine kleine feine Weihnachtsgeschichte

Meine diesjährige Weihnachtsgeschichte habe ich heuer selbst am

1. Dezember erlebt und erfahren. Es ist mir eine Freude, sie mit euch zu teilen!

Seit ein paar Wochen betreue ich eine Dame im Seniorenheim, die Zuwendung und Aufmerksamkeit brauchen kann. Sie hat keine Angehörigen mehr, ist schon betagt und ein wenig verwirrt und fährt mit einem Rollstuhl, weil sie nicht mehr kräftig genug ist, selbst zu gehen. Ich kenne sie von früheren Besuchen und habe sie als liebenswert originell kennengelernt. Als wir nun Anfang Dezember am Gemeinschaftstisch zusammensaßen, sprachen wir über ihr Geburtsdatum, ihren Heimatort und andere Details aus ihrem Leben. Da das Thema Geburtsdatum auch bei anderen Bewohnern beliebt ist und bei fast allen älteren Menschen spannenderweise auch erinnert wird, wuchs unsere Gesprächsrunde.

Zuerst bewegte eine andere Dame ihren Rollstuhl  an unseren Tisch, sie war sichtlich erkältet, ihre Nase tropfte und ich half, ihr eine ausreichende Menge Taschentücher zu besorgen. Auch sie wußte noch ihr Geburtsdatum. Wir sprachen über Geburtstagslieder und stimmten auch eines als Probe an, als eine weitere Dame, die ich auch schon kannte, weinend zu uns an den Tisch rollte. Wir wollten natürlich wissen, was der Grund für die Tränen waren. Sie war mit Taschentüchern ausgerüstet und entschuldigte sich mehrmals für ihr Weinen, sie wüßte nicht warum sie weinte, es kam einfach so, ganz spontan. Wir sprachen darüber, dass wir diesen Zustand eigentlich alle schon mal erlebt hatten, dass man plötzlich weinen muss, es käme so wie eine Welle, die ausgeweint werden will. Die Dame trocknete Ihre Tränen und war sichtlich beruhigt über unser Mitgefühl.  Wir konnten an unser Geburtstagsthema anschließen und auch mit ihr über das Datum sprechen, sie wußte es ebenso noch. Es folgten Überlegungen über die jeweiligen Sternzeichen und Geburtsorte.

Nach mehreren Wiederholungen war das Thema Geburtstag erschöpft und ich blickte mich im Gemeinschaftsraum um. Da entdeckte ich die Weihnachtsdekoration und rief: "Oh, der Weihnachtsschmuck ist schon da! Ja, klar, es ist ja auch schon der 1. Dezember!"

Die Dame mit der tropfenden Nase strahlte über das ganze Gesicht und sagte: "1. Dezember, das ist das Geburtsdatum meiner Mutter!" 

"Das ist ja interessant" meinte ich dazu und darauf ergänzte die Dame: "ja, 1. Dezember 1900, da ist meine Mutter geboren".

Ich war beeindruckt: "Oh, das ist ja ein schönes Datum! Wie lange hat ihre Mutter denn gelebt? Wissen Sie, wann sie gestorben ist?"

Da antwortete sie wie aus der Pistole geschossen: 

"Wie, meine Mutter ist doch noch nicht gestorben, sie lebt ja noch!" Darauf hörten wir ein tiefes, ehrliches Seufzen von der zuvor mit Tränen geplagten Dame. Dann sagte sie mit spürbarer Anerkennung: "Oh was für ein Glück, daß sie noch die Mutter haben, da kann es einem ja nur gut gehen!" Dieser Feststellung konnten alle Anwesenden nur beipflichten, wir strahlten uns an und ich war um eine entzückende Weihnachtsgeschichte reicher.

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