Geschichte...und was hat das mit mir zu tun

Heute möchte ich mal ganz bewusst zum Nachdenken anregen. Mich selbst beschäftigt nämlich seit langem die folgende Frage: kann es sein, dass die Geschichte meiner Eltern, ihre Erfahrungen als Kinder in Zusammenhang mit mir und meinen eigenen Befindlichkeiten von heute stehen? Ist es für mich von Bedeutung, dass Mutter und Vater zwischen 1935 und 1945 geboren wurden und somit Kriegskinder sind?

Und noch konkreter gefragt: ist es möglich, dass ich Ängste, Nöte und Beeinträchtigungen, die meine Eltern erlebt haben, auch in mir als Unsicherheit fühlen kann, ohne dass ich die auslösenden „Schrecken“ dazu miterlebt habe? Oder ganz banal: Wieso hat mein Leben immer wieder den Geschmack, als ob ich ums Überleben kämpfen würde, wieso empfinde ich bei jeder Veränderung zuerst Angst, wieso fühle ich mich für alles und jeden verantwortlich, wieso verursacht mir Konfrontation solches Unbehagen - wo ich doch in einer Zeit des friedlichen Wohlstandes gross geworden bin?

 

Gott-sei-Dank habe ich im Zuge meiner Recherchen zu diesem Thema eine ganz klare Antwort gefunden. Ja, es ist möglich und sogar oft der Fall, dass die schlimmen und auch oft verschwiegenen Erfahrungen der Eltern deutliche Auswirkungen auf die Entwicklung und Erziehung von uns Kindern gehabt haben. Das nennt man transgenerationale Weitergabe von (traumatischen) Erfahrungen. Keine Angst, ich biete hier keine Online-Therapie für Betroffene an und will auch nicht die Generation unserer Eltern anklagen! Ich schreibe meine Gedanken auf, weil ich Euch dazu anspornen will, die eigene Geschichte in einem größeren Rahmen zu sehen. Ich selbst verstehe mich besser, seit ich genauer hinschaue.

 

In Deutschland bekommt – dank dem Buch „Die vergessene Generation“ von Autorin Sabine Bode - das Thema Kriegskinder seit 10 Jahren vermehrte Aufmerksamkeit. Die Öffentlichkeit hat begonnen, sich dafür zu interessieren, welche Spuren die oft traumatischen Kindheiten (Bombardierungen, Flucht, Verlust, Vertreibung, Hungersnot, Gewalterfahrungen) in den Familien hinterlassen haben. Dem vorangegangen ist ein wichtiger und noch andauernder Prozess der Auseinandersetzung mit den traumatischen Auswirkungen des NS-Regimes und seinen Verbrechen für die Opfer dieser Zeit. Ich wünsche mir auch für Österreich einen solchen intensivierten Prozess! Ich will fairerweise erwähnen, dass ich auch in unserem Land zu erkennen glaube, dass der Fokus auf Aufarbeitung größer wird. Mir fallen da spontan „Die letzten Zeugen“ im Burgtheater ein und die vielen Zeitzeugen-Projekte an den Schulen, die unseren Kindern die Auswirkungen vom 2. Weltkrieg und der Diktatur in Erinnerung rufen sollen. Auch die Fülle von Familienromanen und Biografien, die es in die Bestseller-Listen schaffen, und das Thema Kriegszeit und die Nachwirkungen in spätere Generationen zum Inhalt haben, ist beeindruckend.

 

Studien mit Kriegskindern (Jahrgänge 1930 bis 1945) in Deutschland zeigen, so Sabine Bode, dass ungefähr ein Drittel auf Grund ihrer Verlust- und Gewalterfahrungen zumindest „in ihrer psychosozialen Lebensqualität eingeschränkt sind“. Diesen jetzt älteren Menschen gemeinsam sind eine tiefe Verunsicherung und das Unvermögen, sich auf neue Erfahrungen einzulassen oder tiefe emotionale Beziehungen einzugehen. Sie verstehen die Welt der Jüngeren nicht wirklich. Es fehlt ihnen an Einfühlungsvermögen. Veränderte Lebensumstände setzen sie enorm unter Druck und sie haben eine misstrauische und feindliche Haltung der Welt gegenüber. Sie haben Tenzenz zum Schwarz-Weiss-Denken und ein extremes Bedürnis nach materieller Absicherung. Ich nehme einmal an, dass diese Zahlen und Angaben auch für Österreich relevant sind, die Beschreibungen sind es allemal, mir fällt da gleich das Bild des „immer grantigen Wieners“ ein.

 

Ein Drittel von uns, ich meine damit ein Drittel der zwischen 1960 bis 1975 Geborenen hat also Eltern, die diese Einschränkungen aus ihrer frühen Kindheit mitbringen. Laut Sabine Bode (ihr merkt schon, dass diese Autorin mein neuer Hero ist) schwingen in den Kriegskindern folgende Gemeinsamkeiten: das Gefühl:„ich kann meine Mutter emotional schwer/nicht erreichen“, eine Empfindung von „Nebel“ und „Unlebendigkeit“ in den Familien, Probleme mit dem eigenen Selbstwert, das Verschwimmen von Generationengrenzen, das Gefühl, dass die eigenen Eltern zwar physisch anwesend aber doch abwesend waren und es ihnen oft nicht gelang, den Kindern ein gutes Vertrauen ins Leben weiterzugeben.

 

Mir ist absolut klar, dass der geschichtliche Teil in der Beziehung zu unseren Eltern nicht alle offenen Fragen erklären kann und viele andere Faktoren unsere Entwicklung beeinflusst haben. Aber der Versuch, frische Luft in das Schweigen zu bringen und die Deckel der familiären Truhen zu lüften, kann uns unterstützen, unser eigenes Leben und unsere eigene Biografie besser zu verstehen. Fangen wir wieder an uns füreinander zu interessieren und fragen wir nach warum die Dinge so sind wie sie sind. Nehmen wir wieder Verantwortung für unseren Blick, unser Handeln! Wir haben diese Verantwortung auch unseren Kindern gegenüber – sonst geht der transgenerationale Teufelskreis weiter!!!!!

 

Der amerikanische Science-Fiction-Schriftsteller Robert A. Heinlein fasst das in einem Satz zusammen: „A Generation which ignores history has no past and no future.“ Bingo....kann ich nur sagen! Warum steht in Österreich alles still, die Regierung, die Reformen in Bildung, im Gesundheitswesen, bei der Integration, warum drohen wir in Inflexibilität zu erstarren und arbeiten nicht daran, Misstände aufzulösen und vererbte Gräben zu schließen? Warum erleben sich so viele Menschen als gelähmt in ihren Konflikten, unlebendig in Beziehungen und Familien? Meiner Meinung nach, weil die Scheinwerfer auf die Geschichte noch nicht genug Licht haben! Beginnen wir, uns für unsere Familien zu interessieren! Fragen wir nach! Es geht hier nicht um das Auffinden und Anprangern von Fehlern, Schuld oder Verurteilung. Ich bin überzeugt, dass es wichtig ist, zu sehen und zu verstehen was die Grosseltern und Eltern gemacht haben, wie sie gelebt haben, was sie erlebt haben, um zu wissen was auch uns geprägt hat. Wir müssen erst verstehen, was in den Truhen drinnen ist, um neue gesunde Abgrenzungen zwischen den Generationen zu ziehen und die Risse, die vielerorts entstanden sind wieder zu verbinden. In meinem Verständnis kann es kollektive Aufarbeitung der Geschichte nicht geben, die Regeneration kann nur von jedem einzelnen ausgehen und passiert am besten in der Kleinzelle Familie. Von dort muss der Impuls ausgehen. Offizielle Stellen und Politik können diesen Prozess aber tatkräftig unterstützen.

 

Die von der Geschichte stark beschädigte Generation unserer Eltern (korrekterweise das angesprochene Drittel) kann dies oft nicht oder nur schwer. Wir müssen als Nachgeborene den Boden, auf dem wir leben und auf dem wir gross geworden sind zuerst sehen und wahrnehmen um aus diesem Boden die Kraft schöpfen, ein lebenswertes Zuhause für alle zu schaffen. Dieses Land (und diese Welt) braucht Gestalter! Wir brauchen Courage, damit wir wieder zusammenwachsen! Interessieren wir uns für unsere Geschichte „einen besseren Schutz für unsere Demokratie gibt es nicht“ bestätigt Sabine Bode!

 

Zum Nachlesen:

Sabine Bode

Die vergessene Generation“ und „Kriegsenkel-die Erben der vergessenen Generation“

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