Haltestelle Oberdöbling

Vor ein paar Tagen hatte ich eine wunderbare Begegnung mit einer alten Dame. Und zwar genau bei der S6 Haltestelle Oberdöbling. Ich bin bei dieser Haltestelle ausgestiegen und entdeckte beim Verlassen der Station eine ältere Dame mit Stock und dicker Brille vor dem Fahrrkartenautomaten der ÖBB. Bei der Brille musste ich gleich an den Ausdruck "eingefasste Aschenbecher" denken. Es wirkte von Weitem so, als ob die Dame mit dem Apparat sprechen würde. Ich erkannte beim Näherkommen auch, dass es genau so war. Sie sprach mit sich und dem Apparat gleichzeitig.

Ich weiß aus Erzählungen von anderen älteren Personen und -ehrlicherweise - auch aus eigener Erfahrung, wie kompliziert das Bedienen der ÖBB-Automaten für Unerfahrene ist,  so bot ich meine Hilfe an. Die Dame dankte mir, indem sie meine Hände 2 Minuten lang fest drückte. Sie erklärte mir, dass sie heute nur zum Testen des Fahrkartenautomaten gekommen sei. Sie wolle noch keine Karte kaufen. Sie braucht eigentlich nur die Information, was wohl eine Senioren-ermäßigte Fahrkarte von Gerasdorf nach Wolkersdorf kostet und wie man genau diese Information aus dem Automaten„herausbekommt“.

 

Die gemeinsame Suche mit 2 Nasen - ziemlich nahe am Bildschirm - ergaben einen Fahrpreis von € 1,10. Die Dame war glücklich, meinte aber, die Karte werde sie trotzdem lieber am Franz-Josefs-Bahnhof oder Westbahnhof kaufen, wo es noch Schalter gibt.

 

Wir traten zusammen auf die Straße und mir war klar, dass das Gespräch (noch lange) nicht zu Ende war. Wir waren uns sympathisch, die Dame hatte viel zu erzählen und ich war nicht in Eile. Sie freute sich über mein Zuhören und begann fröhlich drauf los zu erzählen.

 

Mit ihrer – wie sie selbst immer wieder sagte – einfachen Sprache - sie käme aus dem Waldviertel und sei nicht lange in die Schule gegangen - machte sie sich Gedanken über die Wirtschaftlichkeit eines Fahrkartenautomaten und die Sparmaßnahmen der ÖBB. Sie drückte ihr Bedauern über den verlorenen Arbeitsplatz des Schalterbeamten, das sicher egoistische Streben des Technikers, der diesen Fahrkartenautomaten entwickelt hat, aus. Sie erklärte mir dass die ÖBB planmäßig alte Leute durch „Automat-Umstellung“ aus dem Alltag ausschließe, weil man ohne Übung und Training mit 83 nie mehr erlernen wird, den Fahrkarten-Automaten korrekt zu bedienen. Die Dame ging neben mir weiter und versicherte mir, dass sie sich trotzdem nicht unterkriegen lassen würde. Sie weiss sich Gott-sei-Dank zu helfen.

 

Nachdem sie mir auch über ihr Alter, ihren Geburtsort, ihre Geschwister, den Krieg, die Welt von gestern und von heute erzählt hatte, beschloß ich sie zu fragen, was denn aus ihrer Erfahrung das Wichtigste im Leben sei. (Diese Frage stelle ich gerne, für mich ist das wie blind in einen Geschenke-Sack hineingreifen zu dürfen. Gespannt warte ich dann, was kommt.) Für meine heutige Wegbegleiterin war die Antwort eindeutig und sofort formuliert: „Wichtig ist, dass man immer seine Meinung sagt- und sei sie noch so verschieden von der Meinung der anderen!“ Das gefiel mir sehr. Ihre Augen leuchteten während sie mir ihre Lebensweisheit offenbarte. Die eigene Meinung hätte sie auch damals den Weg vom Waldviertel in die Großstadt Wien antreten lassen, wo sie Arbeit, Glück und Liebe gefunden hat.

 

Wir verabschiedeten uns und es ging uns beiden gleich: wir waren froh das Stück Weg von Oberdöbling bis zur Buchhandlung Stöger  gemeinsam gegangen zu sein.

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